Teilhabeatlas Deutschland – Ungleichwertige Lebensverhältnisse und wie die Menschen sie wahrnehmen

10.09.2019

Wie gut die Menschen in Deutschland am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, hängt zu einem guten Teil davon ab, wo sie wohnen. Besonders gut sind die Chancen in Baden-Württemberg, in Teilen Bayerns und im südlichen Hessen“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. „Nördlich davon bieten nur vereinzelte Regionen ihren Bewohnern vergleichbare Teilhabechancen, im Osten lediglich der berlinnahe Landkreis Dahme-Spreewald.“

Drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung hängen die meisten ostdeutschen Regionen noch in vielen Bereichen zurück. In fast allen ndlichen Kreisen, aber auch in den meisten ostdeutschen Städten ssen die Menschen mit geringeren Teilhabechancen leben. Dieses Schicksal teilen sie aber mit den Bewohnern einiger westdeutscher Städte, vor allem im Ruhrgebiet, aber auch im Südwesten von Rheinland-Pfalz, im Saarland sowie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Berlin-Instituts und der stenrot Stiftung. Die Studie untersucht, welche gesellschaftlichen Teilhabechancen die 401 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte ihren Bewohnern bieten. Gemessen wurde die Teilhabe anhand einer Reihe von Indikatoren wie der Quote von Sozialleistungsempfängern, der Höhe der Einkommen, der Verfügbarkeit schneller Internetzunge oder der Erreichbarkeit von Ärzten, Supermärkten und weiteren alltäglichen Dienstleistungen.

Im Ergebnis zerfällt die Republik in sechs Bereiche, die sich in ihren Rahmenbedingungen ähneln: drei städtische und drei ndliche Cluster“ mit jeweils guten, mäßigen und geringeren Teilhabechancen. Die daraus erstellte Landkarte, eine Art Teilhabeatlas“, zeigt, „wo die gut versorgten und wo im Extremfall die abgehängten‘ Regionen Deutschlands liegen“, so Stefan Krämer, stellvertretender Geschäftsführer der stenrot Stiftung. „Deutlich erkennbar wird, wie wichtig eine differenzierte, diese Unterschiede aufgreifende Handlungsstrategie ist, gerade auch in der Politik.“

 

Gute Teilhabechancen vor allem im Südender Osten hängt weiterhin zurück

 

 

Mittels einer Clusteranalyse hat das Berlin-Institut die kreisfreien Städte und Landkreise in sechs Gruppen zusammengefasst, die ihren Bewohnern jeweils ähnliche Teilhabechancen bieten. Cluster 1 umfasst städtische und Cluster 4 ländliche Regionen, die ihren Einwohnern gute Teilhabechancen ermöglichen. Im städtischen Cluster 2 sowie im ländlichen Cluster 5 stehen die Menschen vor vereinzelten Hürden bei der gesellschaftlichen Teilhabe. Die Regionen, die sich im städtischen Cluster 3 sowie im ländlichen Cluster 6 befinden, bieten den Menschen die im bundesweiten Vergleich geringsten Chancen zur Teilhabe.

 

 

Subjektive Wahrnehmung objektiver Bedingungen

Aber wie nehmen die Menschen diese tatsächlichen Lebensbedingungen wahrgleich, besser oder schlechter, als es die objektiven Zahlen erwarten lassen? Um die gefühlten Teilhabechancen mit den erhobenen Daten abzugleichen, sind wir in 15 Regionen aus allen sechs Clustern gereist und haben insgesamt fast 300 Einzelinterviews und Gruppengespräche geführt: mit Bürgern und Politikern, mit Verwaltungsmitarbeitern, Wirtschafts- und Medienvertretern sowie mit Menschen, die ehrenamtlich oder hauptberuflich im sozialen Bereich arbeiten. Das Ergebnis ist zwar nicht repräsentativ, gibt aber einen guten Einblick in das Lebensgefühl vor Ort.

In den Gesprächen zeigte sich, dass die Menschen ihre Lebensbedingungen weitgehend realistisch einschätzen“, fasst Manuel Slupina zusammen, Mitautor der Studie: „Mit den Unterschieden bei den Teilhabechancen gingen sie recht chtern und pragmatisch um.“ Je nach Wohnort haben sie auch andere Erwartungen an ihr Umfeld. Die befragten Landbewohner sind sich meist des Nachteils bewusst, dass sie zum Arbeiten pendeln ssen und für manche Erledigungen auf die nächste gßere Stadt angewiesen sind. Trotzdem äußerten sie, dass sie gern dort leben.

 

Was die Wahrnehmung beeinflusst

Haben Bewohner das Gefühl, dass sich ihre Region positiv entwickelt, schätzen sie ihre persönliche Lage eher optimistisch ein. „Gerade dort, wo die Menschen nach einer langen Durststrecke wieder einen Aufwärtstrend verspüren, blicken die Befragten meist positiv in die Zukunft“, so Slupina.

Umgekehrt äußerten Befragte das Gefühl, abgehängt zu sein, wo sie den Niedergang als chronisch erleben und wenig Perspektiven sehen. Dabei sind es oft Veränderungen im unmittelbaren Umfeld, welche die Einschätzung prägen: Wenn der Dorfladen schließt oder das Krankenhaus auf der Kippe steht, empfinden viele dies als problematischselbst wenn sich die Region als Ganze positiv entwickelt.

Ob auf dem Land oder in der Stadt, ob in einer Boom- oder Schrumpfregion, überall berichten Gesprächspartner von einer besonderen Bindung zu ihrer (Wahl-)Heimat. Wer sich einem Ort verbunden fühlt, ist eher bereit, sich zu engagieren und zur Verbesserung der Lebensbedingungen beizutragen. Zahlreiche Vereine, Bürgerbusse oder Dorfden zeugen davon. In den besuchten ndlichen Regionen in Ostdeutschland stehen jedoch viele Befragte dem Gedanken, selbst die Initiative zu ergreifen, skeptisch gegenüber und glauben nicht, mit ihrem Einsatz etwas bewirken zu können. Missstände zu beheben sei Aufgabe der Politik.

 

Die Rolle der Politik

Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist, für gleichwertige Lebensverhältnisse“ in allen Teilen des Landes zu sorgen. Sie hat allerdings bis heute nicht definiert, wie Gleichwertigkeit überhaupt auszusehen hätte“, moniert Klingholz. Das mache es nahezu unmöglich, ungleichwertige Lebensverhältnisse zu benennen, geschweige denn, Gleichwertigkeit herzustellen.

Ohnehin entwickeln sich die Regionen wirtschaftlich und demografisch sehr unterschiedlich und bringen oft grundlegend verschiedene Voraussetzungen mit. „Mit dem Versprechen von Gleichwertigkeit weckt die Politik Erwartungen, die sie nicht erfüllen kann“, so Klingholz: „Dies führt unweigerlich zu Enttäuschungen und weiteren Frustrationen.“ Stattdessen solle sie die Realität anerkennen und ihre eigenen glichkeiten chtern einschätzen. Aufgrund der Vielfalt der Lebensbedingungen muss sie nach Lösungen suchen, die sich an den jeweiligen regionalen glichkeiten und Bedürfnissen orientieren, um den Menschen überall im Land eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

 

 

Folgende Regionen haben wir besucht:

Landkreise:

Gütersloh, Heilbronn, Ludwigslust-Parchim, Mansfeld-Südharz, Ostalbkreis, Rotenburg (Wümme), Schleswig-Flensburg, Tirschenreuth

Kreisfreie Städte:

Braunschweig, Cottbus, Dresden, Gelsenkirchen, Hamburg, Heilbronn, Ludwigshafen am Rhein, Stuttgart